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Theo-Hespers-Stiftung e.V.

"Die Erneuerung der
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Theo Hespers 1938

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Folge 10: Nur noch einmal | 6 Min. 53 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 9,46 MB)
Folge 11: Du bist raus! | 4 Min. 37 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 6,35 MB)
Folge 12: Komm zurück | 6 Min. 33 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 8,99 MB)

 

Max Behretz *1913 +1942

Der Widerstand eines Friedensaktivisten von Roermond

von Hein van der Bruggen
(Erschienen im Spiegel van Roermond 2011)
Übersetzt ins Deutsche von Dietrich (Dirk) Hespers

 
max behrets„Onkel Max hatte Courage", diese kurze Charakterisierung von Max Behretz, Friedensaktivist und Widerstandskämpfer gegen das Hitlerregime, lässt keinen Raum für Zweideutigkeit. Furchtlos hat Behretz in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts an der Verbreitung von Flugschriften gegen die Nazis in Deutschland gearbeitet.

Während der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg war er einbezogen in Spionageaktivitäten gegen Deutschland und er kämpfte gegen deutsche Spione im Roermonder Grenzgebiet. Gleichzeitig war Behretz Informant des berühmtem Journalisten Markus van Blankenstein und fungierte als treue Hilfe für Mitglieder des deutschen Widerstandes, die in und um Roermond als Flüchtlinge illegal die Grenze überschritten. Die hier angeführte Erinnerung an „Onkel Max“ stammt von Dirk Hespers, dem einzigen noch lebenden Zeugen der Widerstandsgruppe, zu der Max Behretz gehörte.

 Er ist der Sohn des deutschen katholischen Widerstandskämpfer Theo Hespers. Dirk Hespers ist 79 Jahre alt und wohnt in dem - in der Nähe von Roermond gelegenen - deutschen Brüggen. Dirk und Max haben sich zuletzt im Sommer 1940 im besetzten Belgien gesehen.
Die Freunde Max Behretz und Theo Hespers sind von den deutschen Besatzer verfolgt und gefangen genommen worden. Beide sind vor dem deutschen Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und anschließend im Gefängnis Berlin-Plötzensee ermordet worden. Max Behretz wurde am 24. September 1942 hingerichtet. Theo Hespers ereilte dasselbe Los am 9. September 1943. Die beiden Widerstandskämpfern waren durch die Besatzer des Hochverrates beschuldigt worden.
 
Wer war nun Max Behretz, dieser unerschrockene in Roermond geborene und aufgewachsene Mann? Warum wurde er von den Besatzern gesucht und warum wurde er 1942 exekutiert? Um seine Lebensgeschichte skizzieren zu können, soll in der Folge vielfältig von den Erinnerungen von Dirk Hespers Gebrauch gemacht werden. Darüber hinaus werden die Verhörprotokolle von Max Behretz und Theo Hespers durch die Gestapo zwischen 1940 und 1943 genutzt. Leider sind nicht alle Unterlagen der beiden Strafdossiers erhalten geblieben, vermutlich weil einige Erklärungen später für andere Strafunterlagen gebraucht worden sind. Wie es scheint, haben Behretz und Hespers versucht niemanden zu verraten, indem sie einerseits der Gestapo viele Unwahrheiten erzählten und andererseits vieles verschwiegen. Einige Ereignisse können darum nur vermutet werden. Glücklicherweise hat sich Max` Schwester Elsa Cardozo-Behretz in einem umfangreichen Interview im Jahr 1993 an einige persönliche Dinge erinnert.
Im Gegensatz zur deutschen Geschichtsschreibung ist in der niederländischen Literatur bis zum heutigen Tage den grenzüberschreitenden Widerstandstätigkeiten wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Die Familie Max Behretz

Max war der zweite Sohn des jüdischen Ehepaares David Beretz und Emma Arensberg. Der Name Behretz war ein Mittelimburg häufig vorkommender jüdischer Familiennamen, der ursprünglich nicht mit einem „h“ in der Mitte geschrieben wurde. Die Hinzufügung des „h“ muss irgendwann ein Irrtum eines Beamten gewesen sein, der mit den Geburtsakten betraut war. Die abweichende Schreibart des Namen Behretz - oft geschrieben in den Varianten Beretz oder Berretz – führte nicht nur bei den deutschen Besetzern sondern auch nach dem Krieg für Verwirrung.
Nach ihrer Heirat im Jahr 1910 zog die Eltern von Max nach Roermond. Ihre erste Anschrift war die Voorstad St. Jacob nr. 44. Im Jahr 1927 zogen sie in das Haus Nummer 34.
 
Die Geschwister Behretz waren alle sportlich. Max war ein gut trainierter Schwimmer. Er war aktiv bei der Roermonder Rettungsbrigade und dort Vorstandsmitglied. Als ein Mann ohne Angst sprang er sogar von der Maasbrücke. Dirk Hespers, der ihn als Kind oft erlebt hat, spricht heute noch mit Bewunderung über dessen sportliche Darbietungen. Ihn beeindruckte auch, dass Max eine Motorrad der Marke Harley-Davidson fuhr. Schwester Elsa erwähnte, dass er ein brillanter Radiotechniker war. Es gab kein technisches Problem, dass Behretz nicht lösen konnte. Elsas glaubt, dass ihr Bruder wenn er überlebt hätte, ein „Großer seines Faches“ geworden wäre.

NBAS/JVA/Nederlandse Trekkersbond

Aus der Gestapoprozessakte lassen sich ausführliche Informationen über Behretz` Biografie, seine Nebenaktivitäten und seine berufliche Laufbahn entnehmen. Nach seiner Ausbildung als Elektromonteur soll er circa zwei Jahre bei Philips in Eindhoven gearbeitet haben. Dort habe man ihn nach eigener Aussage zu wenig motiviert, so dass er zum Radiobetrieb Neerding&Goedhard in Helmond wechselte. Die ökonomische Krise der dreißiger Jahre zwang ihn ins elterliche Haus zurückzukehren. In Roermond fand er später wieder Arbeit bei dem elektrotechnischen Installationsbetrieb A.Z.N.E.M. Zwei Jahre später wechselte Behretz zu Radiohome in Roermond. Seit April 1940 war der Elektromonteur bei der Firma Goossens in Eindhoven angestellt.
Parallel zu seinem Beruf war Max Behretz in der politisch links orientierten Jugendbewegung aktiv. Nicht überliefert ist wie ihm sein politisches Engagement Ende der zwanziger Jahre, einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, möglich war. Behretz gehörte seit etwa 1927/28 dem niederländischen Bund für studierende Abstinenzler (NBAS) an. Laut seiner Erklärung vor der Gestapo hat Behretz in Roermond eine Abteilung dieser Bewegung geleitet. Ziel dieser Vereinigung war die Pflege des Gemeinschaftssinns. Die Mitglieder wanderten, fühlten sich der Natur verbunden und tranken keinen Alkohol. Viele Mitglieder traten wie Max Behretz schon als Schüler dem NBAS bei. Da in Roermond keine Spuren dieses Bundes gefunden werden konnten ist zu vermuten, dass Behretz zu einer NBAS-Abteilung in Eindhoven oder Heerlen gehörte.
 
1932 schloss Max sich der Studentenbewegung Jongeren Freedes Akctie (JVA) in Helmond an. Die idealistische Jugendbewegung hatte einen stark antimilitaristischen Charakter. In seiner Eindhovener Zeit lernte Max die Gymnastiklehrerin und Sekretärin Antonia (Toos) Verhagen kennen, die auch Mitglied der NBAS war. Sie trafen sich bei ihren wöchentlichen Zusammenkünften in Jugendherbergen oder bei Versammlungen in Wohnungen von Mitgliedern.
Die Jugendherbergen und ihre Besucher waren Mitglieder entsprechender Organisationen zum Beispiel dem niederländischen Bund der Jugendherbergen und dem Neederlandse Trekkersbond. Nach dem Vorbild der deutschen Jugend- und Wanderbewegung (Der Wandervogel) wurden wöchentliche Treffen organisiert, bei denen die Mitglieder gemeinsam wanderten, sangen oder tanzten. Innerhalb dieser Vereinigungen war eine vegetarische Lebensweise üblich. Laut Dirk Hespers war Max Behretz jedoch höchstens zeitweise Vegetarier. Letztendlich war er der Sohn eines Viehhändlers
 
Die Mitgliedschaften im NBAS und JVA werden für Max Anleitung gewesen sein, sich dem Militärdienst zu verweigern und dafür Bürgerdienst zu leisten. Näheres ist darüber nicht bekannt. Es ist möglich, dass Max nie bei Philips gearbeitet hat, sondern in Eindhoven nur seine Bürgerdienstpflicht erfüllt hat. Gegenüber der Gestapo könnte es von Belang gewesen sein, über das Verweigern des Militärdienstes zu schweigen.
Der JVA organisierte jährlich Zusammenkünfte mit Gleichgesinnten aus Nachbarländern, hauptsächlich aus Belgien und Deutschland. Bei einem dieser Grenztreffen lernte Behretz 1932 den Mönchengladbacher Metallarbeiter Josef Weber kennen. Sie wurden Freunde und machten zusammen Wanderfahrten.

Theo Hespers

Theo Hespers wurde 1903 in Mönchengladbach geboren. Seine Eltern erzogen ihn und seine Geschwister streng katholisch. Hespers hat innerhalb des katholischen Widerstands gegen das Hitlerregime gekämpft. Zwei jüngere Brüder von Hespers` Vater waren Mitglieder des Dominikanerordens. Seine Tante Maria war unter dem Namen Schwester Christophera Priorin im Dominikanerinnen Kloster Marienthal in Venlo, ein 1881 während des deutschen Kulturkampfs gestiftetes Kloster. Nach dem Besuch des Gymnasiums machte Theo eine Ausbildung zum Kaufmann und besuchte anschließend die Webschule, heute Textilingenieurschule.
Schon mit 14 Jahren war Theo Mitglied im Quickborn. Dies war eine Vereinigung von katholischen Schülern und Studenten, die aus ihrem Glauben heraus nach Frieden und Völkerverständigung strebten. Auch Alkohol- und Nikotinenthaltung gehörten zu den Regeln der Quickborner. Die Bewegung entwickelte sich zu einem kritisch katholischen und idealistischen Jugendbund.
Später schloss sich Theo der Vitus-Heller-Bewegung an, benannt nach dem katholischen Politiker und Publizisten Vitus Heller. Das war eine linksradikale katholische Partei, die unter dem Namen Christlich-soziale Reichspartei (CSRP) kandidierte. Die Partei war sozialistisch und pazifistisch ausgerichtet. Sie strebte nicht nur nach einer inneren persönlichen Erneuerung, sondern auch nach einer totalen Veränderung der Gesellschaft.
1927 machte der Mönchengladbacher als stellvertretender Vorsitzender der Internationalen Arbeiterhilfe eine achtwöchige Reise durch die damalige Sowjetunion. Als CSRP-Vertreter kandidierte Hespers 1930 für den Preußischen Landtag und den Stadtrat von Mönchengladbach. Im selben Jahr heiratete er Katharina (Käte) Kels, die er im Quickborn kennengelernt hatte. 1931 wurde ihr Sohn Dirk (Dietrich Franz) geboren.
Es waren die Jahre, in denen der Katholik die Bedrohung des aufkommenden Nationalsozialismus erkannte. Noch im März 1933 engagierte sich Hespers als Kandidat für linke Einheitsfrontparteien wie der Einheitsliste der Arbeiter und Bauern und der Kampffront der Werktätigen. Am Tag nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verkündete das Naziregime die Verordnung des Reichspräsidenten „Zum Schutz von Reich und Staat, gerichtet gegen Verrat am deutschen Volke und hochverräterischer Umtriebe“. Auch Hespers sollte auf Grund dieser Verordnung verhaftet werden. Noch gerade rechtzeitig konnte er Anfang April 1933 in die Niederlande fliehen. Einer seiner Freunde hatte ihn vorgewarnt. An dem Tag, an dem Hespers von seinen Feinden in seiner Wohnung erwartet wurde, kehrte er nicht zu seiner Familie zurück. Durch viele Wanderfahrten kannte der Flüchtling das Grenzgebiet zwischen Brüggen und Schwalmtal so gut wie kein anderer. Nachdem Hespers die nur schwach bewachte grüne Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden passiert hatte, fand er in Venlo Unterschlupf bei seiner Tante, die Priorin im Kloster Marienthal war.

Reformladen und Flucht von Käthe und Dirk

Kurz nach seiner Flucht nahm Hespers auf Vermittlung von Josef Weber Kontakt zu Max Behretz auf. Die Bekanntschaft der beiden Männer ist der Anfang einer tiefen Freundschaft. In dem Freundschaftsverhältnis war Theo die intellektuelle und führende Person. Max Behretz war derjenige, der sich überall in Mittellimburg – besonders im Grenzgebiet – gut auskannte, eine gute Einsicht hatte, immer bereit war zu helfen und über viel Courage verfügte. Behretz bot Hespers sofort Unterkunft in seinem Elternhaus in Roermonds Voorstad an, wo er selbst ebenfalls wohnte. Vater David Behretz war davon nicht so begeistert. Während seines Verhörs durch die Gestapo 1941 hat Max erklärt, dass er Hespers darum an die Leitung der Roermonder Friedensbewegung überwiesen habe. Es gab in den dreißiger Jahren in Roermond einen Friedensring, der eine Abteilung des gesamtniederländischen Friedensbundes war. Nach Aussage von Behretz bestand der Bund aus älteren mittelständischen Bürgern, die für Hespers Geld gesammelt, ihm ein Haus in Melik - Gebroeke 138 - zur Verfügung gestellt und bei der Einrichtung eines Reformladens geholfen haben sollen. Die Kundschaft soll hauptsächlich aus Mitgliedern dieser Bewegung bestanden haben. Als Unterstützung soll Hespers damals sieben Gulden pro Woche erhalten haben. Als Hespers später in Eindhoven wohnte, haben wahrscheinlich auch die Mitglieder der Bewegung in Tilburg und Breda bei ihm gekauft. Behretz hat allerdings die Behauptung der Gestapo bestritten, er sei selber Mitglied des Friedensrings gewesen. Wie Dirk Hespers erzählt, waren die Kunden seines Vater meistens Juden, die nur bei ihm kauften, um ihm zu helfen. Es kann allerdings nicht geklärt werden, ob der RK Friedensring Mitglieder aus der örtlichen jüdischen Bevölkerung hatte oder ob er möglicherweise in Roermond „neutral“ gewesen ist. Dass es Hilfe durch Juden gegeben hat, wird Max nach seiner Verhaftung 1940 nicht der Gestapo nicht erzählt haben.
 
Das Haus am Gebroek lag unmittelbar an der Straße und war eine Unterkunft für Knechte und Landarbeiter. Es gehörte zu einem großen Bauernhof, der etwas weiter von der Straße zurück lag. Es ist wahrscheinlich, dass Behretz dieses Haus über seinen Vater, der Viehhändler war, vermitteln konnte. Nach seiner Ankunft in den Niederlanden bekam Theo außerdem eine Unterstützung vom Niederländischen Katholischen Flüchtlingskomitee in Utrecht. Was auch immer wahr sein mag an seiner bei der Gestapo abgelegten Erklärung, Max Behretz hat Theo Hespers auf jeden Fall dort geholfen, wo er konnte. Theos Flucht war so plötzlich notwendig gewesen, dass er seine Frau Käthe und Sohn Dirk in Mönchengladbach zurücklassen musste. Behretz half bei der Familienzusammenführung und sprach im Juli 1933 mit Käthe Hespers ab, dass sie mit ihrem Sohn mit der Eisenbahn nach Arsbek in die Nähe der niederländischen Grenze zu Vlodrop kommen sollte. Auf dem Bahnhof traf er Mutter und Sohn und brachte die beiden - Dirk noch im Kinderwagen - illegal über den Meinweg zum Haus von Vater Theo. Behretz kannte den Meinweg als erfahrener Wanderer gut. Kurz zuvor hatte er die Möbel und den übrigen Hausrat der Familie Hespers in Mönchengladbach durch den Spediteur VAN Gent & Loos abholen und zur Wohnung in Gebroek 138 bringen lassen.
Obwohl Gebroek damals weit vom Zentrum Roermonds entfernt war und dort nur wenige Häuser standen, lag das Haus der Familie Hespers ausgerechnet gegenüber der Kneipe Deton. Laut Dirk war es zu jener Zeit eine rüde Kneipe, wo Säufer sich regelmäßig Prügeleien und Messerstechereien lieferten. Zeitweise wurde es für Familie Hespers gefährlich.

Versammlungsort des deutschen Widerstands

Das Wohnhaus von Theo Hespers auf dem Gebroek wurde sehr schnell zum Versammlungsort für den deutschen Widerstand. Freunde aus der katholischen Jugendbewegung und anderer Organisationen, in denen Hespers aktiv war, jüdische Emigranten, Mitglieder der deutschen Sozialdemokratie und Kommunisten, gingen dort ein und aus. „Dort trafen sich die wenigen zum engsten Kreis der Widerstandsgruppe gehörenden Freunde aus Deutschland, dort fanden sich auch die bereits emigrierten Leiter größerer Widerstandsgruppen ein. Von diesem Häuschen aus gingen Fäden und Verbindungen kreuz und quer durch Europa. Auch die sorgfältig gehüteten Verbindungen in das illegale kämpfende Deutschland. Was die Mauern dieses Häuschens erzählen könnten, ist wahrscheinlich eines der ruhmreichsten Kapitel des Deutschen Widerstandes. Seele und Motor der Arbeit war Theo Hespers“, wie der Widerstandskämpfer Hans van Dahlen nach dem Kriege in einem Bericht geschrieben hat. Einer der vielen Kontakte von Hespers war ein gewisser Jan Zanders, ein Kommunist aus Heerlen. Anfangs hat er Hans van Dahlen direkt mit Propagandamaterial und Flugschriften versorgt. Später lieferte er das Material auch an Theo Hespers, der es an seine Mitstreiter nach Mönchengladbach weiterleitete. Bei diesem Schmuggel nach Deutschland half oft auch Max Behretz.
Zu jener Zeit war die Meliker Heide (heute bekannt als Industriegebiet Roerstreek) noch eine weite kaum bebaute Fläche, die nach einigen Kilometern in Wald- und Heidelandschaft rund um das Meinweggebiet überging. Es erstreckte sich bis an Gebroek. Von dort aus konnte man einfach illegal die deutsch-niederländische Grenze passieren. So war Gebroek 138 eine gute Ausgangsbasis für verschwörerische illegale Aktivitäten in Deutschland. Gegner der Nazis, die Hespers besuchen wollten, tarnten sich beim Grenzübergang als Wandervögel.
Nicht nur für die Mitglieder des deutschen Widerstandes war es einfach hier die Grenze zu überschreiten. Auch deutsche Spione und Verräter wussten, dass und wie man hier die Grenze überwinden konnte. Dass scheinen Hespers und Beretz nicht bedacht zu haben. Sie waren nicht kritisch genug gegenüber Fremden. Manche, die vorgaben Widerstandskämpfer zu sein, waren jedoch in Wirklichkeit Handlanger der Nazis. Den Ernst und die Bedrohung des Naziregimes haben die beiden unterschätzt. Andererseits waren sie wieder extrem vorsichtig. So ging Hespers in späteren Jahren, als er schon in Eindhoven wohnte, häufig mit seinen Mitstreitern den Strand, um mit Sicherheit nicht abhörbar zu sein.
Das verschworene Widerstandsnetz war der Gestapo schon bald ein Dorn im Auge. Es wurden deutsche Spione eingesetzt, um Hespers` Arbeit zu behindern und den Widerstandskämpfer fangen zu können. Auf Druck des deutschen Staates bekam Theo Hespers Ende 1934 von der niederländischen Obrigkeit die Anweisung nach Helmond zu ziehen. Anfang März 1935 wurde er dort mit seiner Familie amtlich gemeldet. Kaum ein Jahr später folgte der Umzug nach Eindhoven, wo seine letzte niederländische Adresse Franciscus Sonniusstraat 8 war.
Schon früh nach seiner Flucht hatte Hespers Kontakt zu dem ebenfalls in die Niederlande geflüchteten Jesuitenpater Dr. Friedrich Muckermann, der für deutsche Emigranten das Wochenblatt „Der Deutsche Weg“ heraus gab. Hespers hat in dieser Zeitschrift jahrelang mindestens einmal im Monat einen Artikel veröffentlicht.

Hans Ebeling und Alfred Katzenstein

Zur Gruppe um Theo Hespers gehörten mit Hans Ebeling und Alfred Katzenstein noch zwei weitere wichtige Hauptakteure. Obwohl er das älteste Mitglied der Widerstandsgruppe war, hat Dr. Hans Ebeling, 1897 in Krefeld geboren, den Kampf gegen das Hitlerregime überlebt. Er stammte aus konservativem gut bürgerlichem Milieu und nahm als Freiwilliger am ersten Weltkrieg teil. 1920 kämpfte er aktiv als Oberleutnant der Artillerie in den Ruhrkämpfen. Die linken Revolutionsversuche waren eine Reaktion auf den berüchtigten Kapp-Putsch in Berlin, bei dem am 13. März 1920 Rechtsradikale die Macht ergreifen wollten. Ebeling beteiligte sich außerdem am Widerstand gegen die französische Besatzung des Ruhrgebietes und wurde dafür vom französischen Militärgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Nach dem Studium der Architektur und Sozialwissenschaften promovierte der Krefelder über das Thema „Der Streit der Frankfurter Zeitung gegen Ferdinand Lassalle und die Errichtung einer selbständigen Arbeiterbewegung“. Das Mitglied der Jugendbewegung und der Pfadfinder bekämpfte das Konservative und Traditionalistische des Deutschnationalen Bundes und gründete den links orientierten Jungnationalen Bund - Deutsche Jungenschaft. Für diese war die Solidarität mit der sozialen Zielsetzung der Arbeiterbewegung eines ihrer wichtigsten Ziele. In seiner Zeitschrift „Der Vorkämpfer“ attackierte Ebeling die Nationalsozialisten. Wie sehr die Nazis ihn auch hassten: Dem Weltkriegsteilnehmer und Widerstandsheld gegen die französischen Besetzer konnten sie nicht vorwerfen, nicht loyal gegenüber seinem Vaterland zu sein. Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 musste Ebeling nach Belgien und in die Niederlande fliehen. Beide Länder wurden in jener Zeit von den Nazis mit Auslieferungsanträgen überschwemmt. Er nahm in den Niederlanden Kontakt zu Hespers auf, den er schon seit 1925 durch die Pfadfinderschaft Westmark kannte. Das war der Anfang einer jahrelangen Zusammenarbeit. 1939 gelang es Ebeling mit Hilfe niederländischer Freunde Asyl in England zu erhalten. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück, wo er 1968 gestorben ist. Von seinen Freunden wurde Ebeling Plato genannt. Er war schon in jungen Jahren kahlköpfig, auf Plattdeutsch wird so ein Schädel Pläät genannt.
 
Alfred Katzenstein wurde 1915 in Mönchengladbach als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Textilfabrikantenfamilie geboren. In seiner Heimatstadt war er Mitglied des jüdischen Jugendbundes „Die Kameraden“. Über Fahrten der Jugendbewegung lernte er schon früh Max Behretz kennen. 1933 wurde Katzenstein von den Nazis wegen Widerstandsarbeit für drei Wochen inhaftiert. Er hatte Schriften verteilt, in denen stand, dass die Nazis selbst den Deutschen Reichstag angezündet hätten. Nach der Haft flüchtete der Gladbacher über Frankreich in die Niederlande. Am 2. März 1934 wurde Katzenstein bei der Roermonder Polizei als Flüchtling registriert, weil er wegen kommunistischer Umtriebe aus Frankreich ausgewiesen worden war. Frau Goudsmit aus der Neerstraat (vermutlich Recha Goudsmit-Lehmann) hat vermutlich den Fall mit dem Roermonder Polizeikommissar Odekerken zu Gunsten von Katzenstein besprochen. Er durfte unter der Bedingung in Roermond bleiben, dass er keinen Handel betreibe. Alfred Katzenstein bereits früher der Widerstandsarbeit von Behretz und Hespers gegen Nazideutschland angeschlossen und ihnen bei Organisation geholfen. Theo wird er schon in Mönchengladbach zumindest dem Namen nach gekannt haben. Alfred und Max waren bereits seit Jahren enge Freunde. In Roermond wohnte Alfred auf der Cornelisstraat 6. Um etwas nebenbei zu verdienen, durfte er Behretz bei seiner alltäglichen Arbeit helfen. Das bedeutete, dass er für einen guten Radioempfang Antennen auf Dächer errichtete. Dies sei eine nicht ungefährliche Arbeit gewesen, die er oft zitternd ausführte, hat Katzenstein selber berichtet.
Nachdem Katzenstein Mitte 1935 nach Amsterdam umgezogen war, beschloss er am Kampf der internationalen Brigaden in Spanien gegen die Franco-Faschisten teilzunehmen. Das war ungefähr zur gleichen Zeit als Hespers gezwungen wurde, weiter ins Landesinnere nach Helmond zu ziehen. Wahrscheinlich hat Katzenstein eine ähnliche Aufforderung der niederländischen Regierung erhalten. Sicher ist, dass er 1937 in Spanien gegen Franco kämpfte. Nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs wurde Katzenstein in Frankreich im berüchtigten Pyrenäenlager interniert. Von dort gelang es ihm in die USA zu emigrieren. In der amerikanische Armee hat Katzenstein für die Befreiung Europas mitgekämpft. Nach Kriegsende studierte er in den USA klinische Psychologie und arbeitete nach seiner Promotion zunächst in Kansas, später in New York. Katzenstein und seine Ehefrau waren mit Julius und Ethel Rosenberg befreundet. Das Ehepaar wurde 1953 während der vollkommen entgleisten Hexenjagd auf Kommunisten in den USA in der Zeit des Kalten Krieges wegen vermeintlicher Spionage für die Sowjetunion zum Tode verurteilt wurden. Deshalb musste Katzenstein vor der Kommunistenhetze des Senators McCarthy flüchten. Ab 1954 arbeitete er an der Ost-Berliner Universität. Das Ehepaar Katzenstein hatte unter dem Antisemitismus des SED-Regimes zu leiden. Alfred Katzensteins starb 2000 in Berlin.
Katzenstein, Ebeling, Behretz und Hespers hatten am Anfang ihres Widerstands gegen Nazideutschland linke und vielleicht sogar kommunistische Sympathien. In Roermond wurde Behretz im Volksmund lange Zeit der „Kommunist“ genannt. Daran erinnerte sich seine Schwester Elsa Cardozo-Behretz im Jahr 1993 zurück. Während der Verhöre nach seiner Festnahme hat Behretz allerdings bestritten, jemals Kommunist gewesen zu sein. Seiner Meinung nach sei im katholisch-konservativen Roermond durch die Meinungsmache der Geistlichkeit und der Presse jeder mit einer abweichenden Meinung Kommunist genannt worden.

Freundschaft und Ehe

Es muss ein umtriebiges Trio gewesen sein: Max Behretz, Alfred Katzenstein und Theo Hespers. In den Jahren ab 1933 arbeiteten sie vielfältig zusammen. Das Haus von Hespers war ihre Ausgangsbasis. Dirk Hespers erinnert sich, wie Behretz und Katzenstein mit ihm gespielt hätten. Für ihn seien sie Helden gewesen. So erzählt Dirk, dass Max ihn während eines schweren Gewitters auf den Arm nahm und ihn in die Türöffnung des Häuschens stellte, um nach den Blitzen zu schauen. Den ängstlichen Kleinen, der gerne mit Streichhölzern spielte, tröstete er mit den Worten: „Ach, das sind ja nur Streichhölzchen“. Dabei zeigte er auf die Blitze. Im Hause Hespers war die Umgangssprache eine Mischung aus Deutsch und Niederländisch, die Katzenstein „Emmigranto“ nannte. Theo Hespers lernte schnell Niederländisch zu sprechen. Sein Sohn bekam Unterricht in der Sprache. Nur seine Frau Käthe lernte die Sprache nie. Max Behretz sorgte gut für die Familie Hespers und brachte regelmäßig große Geschenke. Für Dirk gab es einen kompletten Märklin-Baukasten. Für die kleinen Einzelteile sei er zu ungeschickt gewesen, erinnert er sich. Später brachte Behretz der Familie ein großen Blaupunkt-Radio mit, das damals etwas ganz Besonderes war. Dirk hat nicht vergessen, dass Max ihn eines Tages während der gemeinsamen Mahlzeit die Frage stellte: „Junge, wer war der Ziehvater von Jesus?“. Dies sei eine für einen Juden nicht selbstverständliche Frage gewesen.
Über die Zusammenarbeit zwischen Max Behretz und Theo Hespers in diesen Jahren schrieb Hans van Dahlen in den bereits zitierten Erinnerungen: „Bei dieser Arbeit wurde Theo Hespers besonders von holländischen Freunden unterstützt, von denen Max Behretz hervorzuheben ist“.
Im Juni 1937 heiratete Max Behretz die Jüdin Roza (Rosel) Schöngross, die 1911 im polnischen Przenysl geboren wurde. Ihre Eltern waren Samuel Isak Schöngross und Pessel Pariser. Sie waren nach Deutschland emigriert und lebten zuletzt in Oberhausen. Obwohl die Familie die deutsche Staatsbürgerschaft hatte, wurde Rosel in den Niederlanden als Polin registriert. Die Familie Schöngross war im Mai 1933, gleich nach der Machtübernahme der Nazis, in die Niederlande gekommen und wohnte seitdem in Maastrich in der Rechtstraat 47. Nach ihrer Hochzeit lebte das junge Ehepaar Behretz in Roermond zuerst in seinem Elternhaus, Voorstrad St. Jacob 34. 1938 zogen sie nach Maaniel. In Broekhin wohnten sie vermutlich in dem Haus von Abraham Salomon, einem verstorbenen Onkel von Behretz. Rechtzeitig vor der Gemeinderatswahl von 1939, für die Max Behretz kandidierte, zog er in Roermond in die Adresse Godsweerdersingel 48.
In Dirk Hespers' Erinnerung litten die Frauen am meisten unter der dauernden Anspannung der Widerstandsarbeit und der konstanten Drohung aus Deutschland. Seine Eltern hatten von Zeit zu Zeit ernste und für den Sohn als peinlich empfundene Konflikte, weil es seiner Mutter nervlich zu viel wurde und sie nach Deutschland zurück wollte. Auch Rosel Behretz, die eine starke Kettenraucherin war, schimpfte viel auf ihren Mann. Doch obwohl er in ihren Augen nichts habe richtig machen können, ist sie bei ihm geblieben. Die Unsicherheit ihrer damaligen Existenz, die Sorge um ihre Familien und die Angst vor dem, was aus Deutschland zu erwarten war, haben sie sehr unter Druck gesetzt.
Über die Zeit von 1936 bis 1937 gibt es keine Unterlagen. Es ist nicht bekannt, wie Max und Rosel Behretz sich kennengelernt haben oder welche Aktionen gegen das deutsche Regime geplant waren.

Haftbefehl vom 30. März 1935

Max Behretz und Theo Hespers wussten vermutlich, dass die deutsche Justiz nach ihnen suchte. Ob ihnen bekannt war, dass für jeden von ihnen schon ein Haftbefehl in Deutschland bereit lag, ist nicht überliefert. Am 30. März 1935 wird für Behretz „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ ein Haftbefehl vom Amtsgericht Mönchengladbach ausgestellt und vom Oberlandgericht Hamm ins deutsche Fahndungsbuch eingetragen. Die Nazis haben sofort nach ihrer Machtübernahme 1933 mit der Jagd auf Personen aus dem linken politischen Spektrum begonnen. Die Unterlagen der Gestapo-Akten beweisen, dass Behretz schon seit 1933 Aufklärungs-Flugschriften in Deutschland verteilt hat. Dem deutschen Geheimdienst gelang es bereits frühzeitig, Vertrauenspersonen und Mitarbeiter von Theo Hespers zu verhaften und ihnen belastende Erklärungen zu entlocken. Dadurch wissen wir heute, dass Max im September 1933 bei einem gewissen Ernst Schmidt in Düsseldorf Flugschriften ablieferte.
Der Schmuggel solcher Schriften nach Deutschland war eine gefährliche Angelegenheit. Die Entdeckung dieser Aktion durch die deutsche Polizei hatte in einer Vielzahl von Fällen ernste Folgen. So wurden im Sommer 1934 nahe der niederländischen Grenze bei Waldfeucht, in der Umgebung von Nederlandse Konigbosch, ein Paket Flugschriften mit kommunistisch orientierten Texten gefunden. Über die Polizei in Heerlen sind sie an die Gestapo übergeben worden. Dies war der Anstoß für Deutschland, den vielen Grenzgängern nachzugehen und Spione einzusetzen. Der Gestapo ist es dadurch im August 1934 gelungen circa zwei Dutzend kommunistische Sympathisanten zu verhaften. Auch Otto Engels, ein Mitstreiter von Theo Hespers, wurde durch eine dieser Aktionen gefangen genommen. Verraten wurden alle durch den Nazispion Johann Kurz, der im Vorfeld Kontakt zu Hespers aufgenommen hatte. Dem abgefallenen Kommunisten aus Rheydt war es gelungen unter falschen Vorgaben bei einer Anzahl von Besprechungen mit Hespers, Katzenstein und Behretz in dem Haus in Gebroek mit anwesend zu sein. Der Ort war auch der Versammlungsort der Kuriere, die entlarvende Berichte nach Deutschland bringen sollten. Kurz hatte gesehen, dass Engels Antinazi-Schriften in Empfang genommen hatte, um sie mit nach Deutschland zu nehmen. Diese und weitere Informationen hat Kurz an die Gestapo weitergegeben. Für Engels brachte der Verrat entsetzliche Folgen mit sich. Er wurde zu acht Jahren Zuchthausstrafe verurteilt. Bei Hespers und seinen Mitstreitern wurde der Verdacht zur Gewissheit, dass ihr früherer Mitarbeiter Kurz der Spion und Verräter war. Bei der nächsten Zusammenkunft, am 20. September 1934, hat Max Behretz den Verräter fotografiert und die Fotos ohne Wissen von Kurz in Deutschland verbreitet, um andere vor dem Spion zu warnen. Am selben Tag wollte Kurz glaubhaft machen, dass Otto Engels sich noch auf freiem Fuß befände und auf der deutschen Seite der Grenze mit Hespers und Behretz sprechen wolle. In Wirklichkeit war dies ein Versuch der Gestapo, die beiden über die Grenze zu locken. Vereinbart wurde, dass Kurz zusammen mit Engels am 30. September an die Grenze bei Vlodrop kommen wolle, um Hespers an der sogenannten dicken Eiche zu treffen. Kurz sollte Hespers vorher am Bahnhof in Vlodrop abholen, um ihn zur benannten Stelle der Zusammenkunft zu bringen. Am 30. September transportierte die Gestapo Otto Engels tatsächlich vom Gefängnis aus zu dem abgesprochenen Ort. Am Bahnhof Vlodrop erschien jedoch nicht Hespers, sondern nur Max Behretz. Er gab an, er sei im Auftrag von Hespers gekommen und schlug Kurz vor, Engels zum Bahnhof zu bringen. Kurz antwortete verlegen, dass dies nicht ginge, weil Engels keinen Pass habe und deshalb die Grenze nicht passieren könne. Weil sich Behretz trotz Drängens von Kurz weigerte selber über die Grenze zu gehen, kam das Treffen mit Engels und die Konfrontation mit dessen Gestapo-Wächtern nicht zustande. Behretz ließ nichts von seinem Misstrauen durchblicken und machte mit dem arglosen Kurz einen neuen Termin für den 3. Oktober 1934 im Hause von Max Behretz' Vater aus. Sie trafen sich an diesem Tag an der Roermonder Kathedrale und gingen, so hat es Kurz später beschrieben, in eine Wohnung hinter einer Brücke. Dort scheinen auch Hespers und Katzenstein anwesend gewesen zu sein. Die Türen seien sofort hinter Kurz geschlossen. Er sei durchsucht worden und Behretz habe ihm seinen Pass abgenommen. Auf jede Seite des deutschen Passes sei mit großen Buchstaben „Vorsicht Polizeispitzel“ geschrieben worden. Kurz bekam von den Anwesenden zu hören, dass er Schuld an der Verhaftung von Engels und einer großen Gruppe von Kommunisten im August 1934 gewesen sei. Kurz soll dabei – nach seinen eigenen Aussagen – noch eine tüchtige Tracht Prügel bekommen haben. Behretz habe ihn mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Danach wurde er am Grenzübergang in Elmpt abgeliefert. Dass die Gestapo die Absicht hatte, die Widerstandskämpfer über die Grenze zu locken, erzählt auch Dirk Hespers in einem Interview. Der Sohn des Widerstandskämpfers berichtete 1994 dem Dagblad de Limburger, schon im August 1933, ein Jahr vor dem Vorfall mit Kurz, hätten zwei deutsche Personen Hespers in seinem Haus besucht und ihn gebeten, ihnen antinazistische Schriften zu geben und sie an die deutsche Grenze zu begleiten. Sein Vater habe der Sache nicht getraut und Behretz gebeten, ihn zu begleiten. An der Grenze entpuppten sich die Besucher als Gestapo-Agenten, die versuchten, Hespers und Behretz mit Gewalt auf die deutsche Seite der Grenze zu zerren. Es soll ein schlimmer Kampf gewesen sein, bei dem es den beiden nur mühsam gelang, ihren möglichen Entführern zu entkommen. Die Gruppe musste nach diesen Geschehnissen allen gegenüber sehr kritisch sein, die sich als ihre Mitkämpfer andienten. Auch später infiltrierten Gestapo-Spione die Widerstands-Kreise rund um Hespers. Die Widerstandsaktivitäten und die genannten Vorkommnisse gaben Anlass zu offiziellen Protesten aus Deutschland. Dadurch sah sich die niederländische Regierung gezwungen, die Familie Hespers aufzufordern, weiter ins Landesinnere nach Helmond umzuziehen. 1936 beschloss die deutsche Regierung, der Familie die deutsche Staatsangehörigkeit zu nehmen. Die Familie Hespers wurde dadurch staatenlos.

Kameradschaft

Während seiner Emigration in Belgien und den Niederlanden versuchte Hans Ebeling seine Kontakte mit der Deutschen Jugendbewegung und mit Widerstandskämpfern gegen das Hitler-Regime aufrechtzuerhalten. Das ging solange Zeit gut bis die Gestapo 1935 eingriff und 30 bis 40 seiner Freunde aus dem Widerstand gefangen nahm. Ebeling und Hespers, die sich damals schon längere Zeit kannten, hatten ab 1935 intensiv zusammengearbeitet. In dem selben Jahr haben sie ihren Arbeitskreis Bündischer Jugend gegründet. Für diesen Bund gaben sie eine Nachrichtensammlung mit dem Titel „Bündische Rundbriefe“ und einige andere Zeitschriften heraus. Die wichtigste Zeitschrift war „Kameradschaft – Schriften junger Deutscher“. Sie war eine Schrift, in der deutliche Ansichten über die Situation in Deutschland erschienen. Mitarbeiter dieser Zeitschrift waren unter anderem der niederländische Journalist Willem Verkade und Willem Asselbergs, besser bekannt unter dem Decknamen Anton va Deuinkerken. Ebeling und Hespers arbeiteten selber an dem für junge Niederländer bestimmten Blatt „Het Filter“ mit. Dies war ein monatliches Organ der Stiftung Nederlandse Jongeren Pers-Commessie, die 1936 auf Initiative Ebelings gegründet worden war und die Jugend gegen den Nationalsozialismus mobilisieren sollte. Mit der Publikation ihrer Zeitschriften hofften Ebeling und Hespers die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Sie waren mehr als andere deutsche Emigranten der Ansicht, dass mit dem Nazi-Regime kein Friede geschlossen werden könne und dass ein Krieg unvermeidbar sei. Ihr für diese Zeit ungewöhnlicher Standpunkt führte dann auch bald zu einem Publikationsverbot ihrer Schriften in Deutschland. Max Behretz hat der Kameradschaft oder Het Filter keine inhaltliche Beiträge geliefert. Wichtiger was seine unverbrüchliche Freundschaft zu Hespers und seine aktive Rolle bei der Verteilung der Schriften. Seine wichtigste Aufgabe war es möglich zu machen, dass viele bedeutende deutsche Anti-Nazis an der Kameradschaft mitwirken konnten.
Um 1935, vielleicht schon früher, stellte Behretz den Kontakt zwischen Hespers und Toos Verhagen her. Die Niederländerin wirkte sogleich an der Herausgabe der Kameradschaft mit. Verhagens besondere Aufgabe war die Herausgabe der Sonderinformation Deutscher Jugend, die Hespers und Ebeling fast gleichzeitig mit der Kameradschaft verlegten. Zwischen Toos Verhagen und Theo Hespers entwickelte sich ein Verhältnis, das wahrscheinlich das Freundschaftliche überschritt. Später hat die Gestapo versucht, Theos Ehefrau Käthe mit dieser Information unter Druck zu setzen und sie auf diese Weise zu bewegen, ihren Mann zu verraten. Das hat sie aber ganz bestimmt nicht getan. Durch seine Verbindung zu Toos Verhangen hat Hespers seine niederländischen Sprachkenntnisse wesentlich verbessert. Nach Aussage von Behretz war es Verhagen, die Hespers und Ebeling mit der niederländischen Jüdin Sara Cato Meijer (Selma) aus Amsterdam bekannt gemacht hat. Hespers nennt dagegen den niederländischen Schriftsteller Nico Rost (1896-1967) als denjenigen, der den Kontakt hergestellt habe. Selma Meijer war eine führende Persönlichkeit in der internationalen Frauenbewegung. Sie kam aus Amsterdam, war Mitglied der Sociaal democratische Arbeiders Parteij (SDAP) sowie Eigentümerin und Chefin des Holland-Typing-Office in Amsterdam. Ab 1938 stellte sie ihren Betrieb ganz für die Herausgabe der genannten Periodika zur Verfügung.
Vorsitzender der Stichting Nederlandse Jongeren Pers-Commissie war Pieter Brijnen, der während des Kriegs in London den Decknamen van Houlten trug und sich nach dem Krieg Pieter Brijnen van Houten nannte. Briijnen arbeitete für den niederländischen Geheimdienst GS III, außerdem war er Pressechef der Organisation Beweging voor Eenheid door Democratie (EDD). Diese Bewegung war 1935 aus Sorge über die schnelle Entwicklung der NSB in den Niederlanden gegründet worden. Gründer der EDD waren unter anderem der Historiker Professor Dr. Pieter Gejl und der spätere Ministerpräsident Willem Schermerhorn. Brijnen hatte via Pressedienst des EDD und der Organisation von Het Filter einen Informationsdienst über die Nazibewegung aufgebaut. Zu seinen Informanten und Agenten gehörten Theo und indirekt Max. Später hat Brijnen jedoch erklärt, dass Theo Hespers aus Mönchengladbach einer seiner wichtigsten Informanten gewesen sei. Hans Ebeling war mit der Errichtung des Hulpcomite voor jeugdige Duitse vluchtelingen betraut worden. Leiter des Comites war Dr. A. N. (Dolf) Joekes, Vorsitzender der zweiten Kammer der Vrijzinnig-Democratische Bond (Fraktion).
 
Onkel Julius
 
Um die Gründungszeit der Kameradschaft bekamen Theo und Ebeling Kontakt zu Dr. Marcus van Blankenstein (1880-1964). Er war Journalist und ehrenamtlicher Diplomat. Eine Fähigkeit van Blankensteins war es, schnell internationale Kontakte zu knüpfen und diese auch pflegen zu können. Weil die Niederlande vor dem zweiten Weltkrieg neutral waren, blieb die Diplomatie notgedrungen im Hintergrund. Die Neutralität verhinderte, dass ein gut arbeitender internationaler Nachrichtendienst aufgebaut werden konnte. Dies führte zu der merkwürdigen Situation, dass diplomatische Kontakte häufig über van Blankenstein verliefen und die Minister ihn um Rat fragten. Bis 1936 hat Blankenstein für die Zeitung Rotterdamsche Courant gearbeitet, in den letzten Jahren als stellvertretender Hauptredakteur. In seinen jungen Jahren lagen seine Sympathien auf der marxistischen Seite, aber um 1920 scheint er von dieser Meinung abgewichen zu sein. Er bewegte sich danach weiter auf die linksliberale Seite zu und sympathisierte wahrscheinlich mit der Vrizinnij-Democratische Partij. Nach dem Erstarken des Nationalsozialismus und der Bedrohung aus Deutschland, warnte van Blankenstein in seiner Zeitung vor dem Faschismus. Meinungsverschiedenheiten mit seinem Hauptredakteur führten 1936 zu van Blankensteins Entlassung bei der NRC. Vorausgegangen war Druck aus Deutschland auf Rotterdammer Reedereien und damit indirekt auf den Herausgeber der Zeitung. Dabei ist zu bedenken, dass van Blankenstein neben seinem Widerstand gegen die antisemitischen Nazis selber Jude war. Beim Utrechsch Nieuwsblad konnte der Journalist schnell wieder Arbeit finden. Außerdem schrieb er auch für andere Zeitungen wie zum Beispiel de Groene Amsterdammer und die Haagsche Post. Van Blankenstein war auch für den niederländischen Geheimdienst GS III und via dieses Dienstes auch für den britischen Geheimdienst S.I.S. tätig war.
Nach dem Münchener Vertrag von 1938, der hier noch zur Sprache kommen wird, ist van Blankenstein auch vom tschechischen Geheimdienst aufgesucht worden. Sein Haus in Wassenaar wird so ein Zentrum für Geheimdienste. Ebeling und Hespers haben van Blankenstein dort ab Mitte der dreißiger Jahre wöchentlich an einem Donnerstag besucht und sich mit ihm beraten. Für Ebeling und Hespers war van Blankenstein einerseits ein vertrauter Berater und andererseits ein wichtiger Informant. Sie informierten ihn über ihre Nachrichten aus Deutschland, die sie von ihren Helfern bekommen hatten
Hespers und seine Freunde gaben Marcus van Blankenstein den Decknamen Onkel Julius. Dieser Name ging auf Gaius Julius Caesar und den römischen Kaiser Marcus Aurelius zurück. Ob Max Behretz als Informant von Theo Hespers Onkel Julius persönlich gekannt hat, ist nicht klar. Gegenüber der Gestapo hat er dem später hartnäckig widersprochen und behauptet, er habe nur durch Hespers von ihm gehört. Van Blankenstein und die mit ihm zusammenarbeitenden Geheimdienste haben jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach Hespers für seine Spionagetätigkeit gegen Nazideutschland finanzielle Mittel zukommen lassen.
Die Gruppe rund um Hespers bestand aus Personen, die aus mehreren Gründen motiviert waren das Hitlerregime zu bekämpfen. Viele von ihn wie Behretz, Katzenstein, Meijer oder van Blankenstein waren Juden. Alle Mitstreiter hatten eine linke und manchmal eine kommunistische Vergangenheit. Die meisten, mit Ausnahme von Katzenstein, der Kommunist geblieben war, wechselten allerdings später ins linksliberale oder sozialdemokratische Fahrwasser. Juden, Kommunisten und Sozialisten waren auch die ersten Opfer der Verfolgung durch die Nazis.
Alle in der Gruppe waren Agnostiker. Auch die Juden hatten ihren Glauben zwar noch nicht aufgegeben, aber er spielte für sie keine wichtige Rolle mehr. Das Besondere an Behretz war außerdem, dass er mit Intellektuellen zusammenarbeitete, während er ein technische Ausbildung genossen hatte. Seine frühere Mitgliedschaft in der NBAS und der JVA müssen für ihn die Gelegenheit gewesen sein, sich mehr intellektuell zu orientieren und sich entsprechenden Gruppierungen anzuschließen.

Sozialdemokrat

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre beschlossen Hespers und Ebeling, sich vollständig von der Zusammenarbeit mit kommunistischen Parteien zurückzuziehen. Die Schauprozesse in der Sowjetunion, in denen der Diktator Josef Stalin seine früheren Freunde und Kameraden vor Gericht stellte und umbringen ließ, machten ihnen deutlich, dass in der Zusammenarbeit mit Kommunisten nichts Gutes zu erwarten war. Sie waren geschockt, als sie erfuhren, dass die Sowjetunion sich derselben gewalttätigen Praktiken bediente wie das von ihnen bekämpfte Nazi-Deutschland. Für Behretz war dieser Bruch der Anlass, sich als Mitglied bei der SDAP anzumelden. Sie ist der Vorläufer der heutigen PvdA. Das war in Roermond eine Partei mit nur wenigen Mitgliedern. Meistens hatten diese einen nichtlimburgischen Hintergrund. Als örtlich bekannte Persönlichkeit wurde Behretz schon 1939 Vorsitzender der SDAP-Abteilung Roermond. Er stand auf der Kandidatenliste für die Gemeindewahl. Die meisten SDAP-Stimmen erhielt der erste Kandidat J.H. Beekkers, nämlich 485 von 553. Max bekam als vierte auf der Liste nur siebzehn Stimmen. Der Anstoß für Max in die SDAP zu gehen wird von Hespers gekommen sein, der sein politisches Vorbild war.

Pamphlete, Spionage und Verrat

Schon am 30. Mai 1938 fasste Hitler den Beschluss, in naher Zukunft das Nachbarland Tschechoslowakei zu erobern. Als erstes Kriegsziel war geplant, das Sudetenland zurückzufordern und als ein Teil Deutschlands einzugliedern. Am 29. September 1938 fand in München die berüchtigte Konferenz statt, auf der sich England und Frankreich mit dieser aggressiven Annektion einverstanden erklärten. Die Tschechoslowakei hatte in diesen Jahren einen gut organisierten und ganz auf Deutschland ausgerichteten Geheimdienst, der trotz des Verrates weiterhin mit den britischen Kollegen zusammenarbeitete. Theo Hespers muss über Van Blankenstein, der Vertrauensperson dieser beiden Geheimdienste, mit dem tschechoslowakischen Geheimdienst in Kontakt gekommen sein. Es ist aus späterer Sicht zu vermuten, dass einzelne ihrer Informanten Verräter waren und alle von Hespers und Behretz gelieferten Informationen an die Gestapo weitergaben. Im Gestapo-Prozess gegen Max handelte es sich um zwei Personen. Der erste ist der Maurer Peter Joseph Heinrichs, der in den dreißiger und vierziger Jahren in Herkenbosch wohnte und dort unter dem Namen Pruusen Joep (Prüße Jupp) bekannt war. Heinrichs wurde 1897 in Odenkirchen geboren, hatte aber die niederländische Staatsangehörigkeit. 1939 arbeitete er bei der Baufirma Hilgers und & in Mönchengladbach. Wochentags war er in Rheydt und am Wochenende bei seiner Familie in Herkenbosch. Anfang 1934 wohnte Heinrichs mit seiner Familie in Gebroek 137 in Melick und damit im Nachbarhaus von Theo Hespers. Er lebte damals von der „Werkbeschaffung“, der Hilfe für Arbeitslose. In dieser Zeit schmuggelte er Flugschriften für Hespers nach Deutschland. Dirk Hespers weiß noch von seiner Mutter, dass Heinrichs regelmäßig seinen Vater fragte: „Theo, hast du noch Flugblätter?“. Damals dachte Hespers noch nicht an Verrat. Max Behretz wird Heinrichs damals ebenfalls kennengelernt und vertraut haben.
Ab 1936 arbeitete Heinrichs in Deutschland, zuerst in Wassenberg und später bei der genannten Firma Hilgers. Es steht fest, dass er damals Gestapo-V-Mann war. Behretz wusste zu der Zeit nicht, dass er von Heinrichs betrogen wurde. Wöchentlich holte er von Selma Meijers Büro Holland-Typing Officde in Amsterdam Propagandamaterial teilweise mit antinazistischem Inhalt ab, das er dann Heinrichs gab. Es waren Schriften, die von den Nazis als Hetzschriften eingestuft wurden. Sie waren vorher in Briefumschläge gesteckt und frankiert worden. Heinrichs Aufgabe war es, sie in verschiedenen Städten - Aachen, Köln, Essen, Duisburg und Düsseldorf - immer in kleinen Portionen zu verschicken. Jede Woche bekam Heinrichs für seine „Dienste“ von Behretz eine Vergütung von zehn Gulden. In der Zeit von 1939 bis Anfang Mai 1940 muss Heinrichs an die 2000 Briefschriften über die Grenze gebracht haben. Erst Monate nach seiner Verhaftung hat Behretz erfahren, dass seine damalige Kontaktperson die Dokumente immer an Mitarbeiter der Gestapo weitergegeben hat. Behretz ließ Heinrichs auch in Deutschland Spionagedienste verrichten. Die Informationen, die Heinrichs weitergeben musste, betrafen die Adressen der Lagerkommandanten und der militärischen Stäbe in den oben genannten Städten. Außerdem sollte er Auskunft über die ausgeführten Truppenbewegungen, die Orte der Flugfelder und deren Größe geben. Es ist klar, dass Heinrichs nur falsche Informationen und Halbwahrheiten weitergab.
Heinrichs hat später behauptet, er sei von Behretz beauftragt worden, das Treibstoffdepot auf dem Flughafen Mönchengladbach-Holt zu sprengen. Er habe ihm außerdem in Zahnpastatuben versteckten Sprengstoff liefern wollen, um den Mönchengladbacher Bahnhof in die Luft zu jagen. Um die Vertrauenswürdigkeit von Heinrichs zu ihnen zu untermauern, vermerkte die Gestapo in dem Prozess gegen Behretz, dass Heinrichs zur Vorbereitung einer Invasion deutsche Armeeoffiziere im niederländischen Grenzgebiet rund geführt haben soll. Heinrichs soll auch am 10. Mai 1940 deutsche Stoßtruppen auf einem Schleichweg zu einer Brücke geführt haben, die die Niederländer sprengen und die Deutschen unversehrt erhalten wollten. Ferner soll er während der ersten Kriegstage einen von den Holländern gefangenen deutschen Soldaten befreit haben. Wenn diese Informationen der Gestapo stimmen – und es besteht kein Grund daran zu zweifeln – dann hat der Niederländer Heinrichs zu jener Zeit die schwersten Verbrechen begangen, die das niederländische Strafrecht kennt, nämlich Landesverrat.
Ein zweiter Verräter war der Elektriker Wilhelm (Willy) Peulen – ein niederländischer Staatsbürger, der 1914 in Kaldenkirchen geboren wurde. Um 1940 wohnte er in Düsseldorf. Bei Besprechungen im Haus von Theo Hespers in Eindhoven sollen mit Peulen und Behretz Pläne entwickelt worden sein, die Textilfabrik Frohwein in Wassenberg in die Luft zu jagen. Auch andere Gewaltaktionen sollen besprochen worden sein. Peulen war von der Gestapo als V-Mann qualifiziert worden. 1939 hatte Peulen das Vertrauen von Hespers erschlichen, indem er ihm angeblich geheime Informationen in die Hand gab. Tatsächlich waren diese Informationen von der Gestapo redigiert waren.
Die geplanten Sabotageakte in Deutschland sind nicht unbedingt von der Gestapo erfunden worden. Es ist nur die Frage wer die Vorwürfe zum Thema machte. Während ihrer Gestapo-Haft haben sowohl Behretz als auch Hespers diese Anschuldigungen nicht bestritten. Zu bedenken ist, dass sowohl Heinrichs als auch Peulen, jedes Mal wenn sie Kontakt zu den beiden hatten, Instruktionen erhielten. Abgesehen von Heinrichs Erklärung, die nach Gestapo-Informationen von deren Ehefrauen bestätigt worden sein sollen, gibt es jedoch keine Beweis für diese waghalsigen Sabotageakte. Pläne für gewalttätige Aktionen jenseits der Grenze durch entsprechende Handlanger sind auch aus heutiger Sicht höchst unwahrscheinlich. Das gilt auch für das Anliefern des Sprengstoffs in Zahnpastatuben. Und das Wichtigste ist, dass es keine Spur von Vorbereitung oder Ausführung dieser Pläne gibt. Vermutlich wollte die Gestapo die Taten von Max Behretz und Theo Hespers übertreiben, damit auf jeden Falle die schwersten Strafe verhängt werden konnten.
Ob Max Behretz in dieser Zeit noch andere Kontaktpersonen in Deutschland hatte, ist nicht klar. Während seiner Verhöre hat er darüber geschwiegen. So hat der Kriminal-Oberassistent, der die Verhöre durchführte, böse formuliert: „Bezüglich Behretz ist noch zu erwähnen, dass er nur das zugibt, was ihm nachgewiesen werden konnte. Es ist daher anzunehmen, dass er noch von weiteren Dingen Kenntnis hat, diese aber verschweigt, um sich nicht noch mehr zu belasten“.

„Hetzschriften“

Hier folgen einige aufrührerische Texte aus beschlagnahmten Widerstandsschriften: „Bürger des Deutschen Reiches. Arbeiter und Unternehmer! Angestellte und Beamte! Handwerker und Ladenbesitzer! Männer der freien Berufe! Soldaten und Offiziere! Die Braunen Landesverräter haben Euch und Eure Familien in unübersehbare Gefahr gebracht. Vereinigt Euch! Wider Euch sind die Nazis ein Nichts – auch wenn sie sich mit dem Kommunisten verbünden“.
„Vereinigt Euch zum Sturz der Nazi-Bonzen! Ihren einstigen Anhang in Dörfern und Städten haben die Braunen Postenjäger längst verloren. Bereitet Euch vor für den Tag des Sturzes der Nazis; (…)
Macht dem Treiben der Braunen Landesverräter ein Ende! Der Mann aus Österreich und seine uniformierten Banden sind keine legale Regierung. Nie haben die Nazis eine Mehrheit im Reichstag besessen. Der Männer-Gesangverein, der sich seit 1933 'Reichstag' nennt, ist keine Vertretung der Nation.(...)“.
Diese Texte waren nach den Erklärungen von Theo Hespers in England vorbereitet worden. Die Autoren gehörten zu einer Gruppe von Emigranten in London, die den Namen Professoren-Komitee beziehungsweise „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler“ führten. Das Komitee stand unter der Leitung von Dr. Fritz Demuth, einem ehemals hohen deutschen Regierungsbeamten. Dieses Komitee soll auch die Geldmittel für diese Schriften zur Verfügung gestellt haben. Obwohl Hespers und Ebeling wenig von der Verbreitung dieser Schriften hielten, stellten sie ihre Mitarbeit zur Verfügung, um an Geld zur Unterstützung ihrer Widerstandsschrift Kameradschaft zu kommen. Wer auch immer die Autoren gewesen sein mögen, die Zitate machen deutlich, dass sie naiv waren. Bekannter Weise hatten sie keine Ahnung davon, wie allumfassend der Griff des Nazi-Regimes auf die öffentliche Meinung im Volk geworden war. Schriften wie diese werden – wenn sie überhaupt gelesen wurden – wenig Einfluss gehabt haben.

10. Mai 1940

Um den 1. März 1940 ist Max Behretz mit seiner Rosel aus Roermond weg gezogen. Die Bedrohung durch die Deutschen nahm von Tag zu Tag zu. Dank der Kontakte, die Behretz über Van Blankenstein mit dem niederländischen, tschechoslowakischen und englischen Geheimdienst hatte, wird er von den Plänen Hitlers gewusst haben früher in den Niederlanden einzufallen. Das Ehepaar Behretz zog zu dieser Zeit zum Voorterweg 170 in Eindhoven, nur einige hundert Meter vom Haus seines Freundes Theo Hespers entfernt. Dort konnten Max und Rosel Behretz nur kurze Zeit wohnen.
Am 10.Mai 1940, dem Tag des deutschen Überfalles auf die Niederlande, flüchtete das Ehepaar auf einer Harley Davidson aus Eindhoven. Theo Hespers hatte sie schon in aller Frühe mit der alarmierenden Botschaft von der deutschen Invasion geweckt. Die Familie Hespers flüchtete am selben Tag mit einem von Freunden geliehenen Auto. In Roosendaal kamen die beiden Paare wieder zusammen. Für beide war es eine lange und mühsame Reise gewesen, weil die Kriegshandlungen überall den Verkehr behinderten. Behretz hatte seinen Arm in einer Schlinge, weil er auf dem Weg in einen Bombentrichter gefahren war. Zu ihrer Überraschung wurde Theo Hespers von der Polizei in Roosendaal festgenommen. Jeder Deutscher, selbst Flüchtlinge, wurde verdächtigt ein Spion zu sein. Nach einem Tag in Polizeigewahrsam durfte Theo Hespers weiterziehen. Max Behretz hatte den Beamten erklären können, dass sein Freund für den englischen Geheimdienst arbeitete. Als die beiden später zu unterschiedlichen Zeiten von der Gestapo gefangen genommen wurden, hat diese Tatsache noch zu große Problemen geführt. Darüber geben die Prozessakten Auskunft.
Die beiden Familien gingen von Roosendaal weiter nach Den Haag, um noch ein Visum nach England zu bekommen. Unverrichteter Sache mussten sie weiterziehen. Über die Seeländischen Inseln erreichten sie Belgien und von dort Dünkirchen. Der britische Hafenkommandant in Dünkirchen wäre bereit gewesen Theo und Max mit nach England zu nehmen. Ihre Ehefrauen und der neunjährige Sohn Dirk hätten aber zurückbleiben müssen. Beide Männer haben darauf die Flucht nach England aufgegeben. Ihre Familien wollten sie nicht im Stich lassen. Auf ihrer Reise von De Panne über Gent nach Antwerpen haben sie den deutschen Überfall erwartet. Als sie in La Panne ein Regiment SS-Soldaten vorbeimarschieren sahen, brach Rosel in Tränen aus und klagte: „Jetzt ist alles vorbei. Jetzt haben wir keine Chance mehr“. Sie beschlossen vorläufig illegal in Belgien zu bleiben.
In Dirk Hespers' Erinnerung war der Sommer von 1940 sehr schön und beide Familien gingen auch mehrmals zusammen schwimmen. Max hat dort als diplomierter Sportler beeindruckende sportliche Übungen vorgeführt. Er ging einige Male zurück nach Eindhoven um nachzusehen, ob die Gestapo schon Nachforschungen über Theo angestellt hatte. Ob er dabei erfuhr, dass die deutsche Polizei nach Hespers geforscht hatte und Toos Verhagen schon verhaftet worden war, ist nicht bekannt. Nach einigen Wochen, in den Monaten Juli oder August, wurde die Illegalität für Max unerträglich. Er überredete Rosel zurück nach Eindhoven zu gehen. Er hoffte, dass alles vielleicht halb so schlimm sein könnte. Die beiden Familien konnten in diesem Moment nicht ahnen, dass dies der Abschied für immer war. Allerdings sollten sich die beiden Männer zwei Jahre später noch einmal im Gerichtssaal treffen - der eine als Verdächtigter, der andere als Zeuge. Theo riet Max und Rosel davon ab nach Eindhoven zurückzukehren. Dennoch gab er ihnen die Schlüssel seines alten Hauses an der Franzizkus Sonniusstraat 8, das er am 10. Mai 1940 in Eile verlassen hatte. Der Gestapo gegenüber hat Behretz nur erklärt, er sei am 10. Juni 1940 nach Eindhoven zurückgekehrt. Wahrscheinlich wollte er die untergetauchte Familie Hespers nicht verraten. Er behauptete, dass Hespers geplant habe, von Antwerpen nach Spanien oder Portugal zu flüchten. Er habe jedoch etwa zwei Monate nach seiner Heimkehr nach Eindhoven nichts mehr von ihm gehört.

Verrat und Gefangennahme

Bei den Unterlagen der Gestapo-Verhöre befindet sich eine Notiz, die vermuten lässt, dass Behretz bei seiner Verhaftung an der Diestelstraat 24 in Eindhoven wohnte. Vermutlich ist das die Geheimadresse, an der er nach der Rückkehr in Eindhoven zeitweise war. Zurück zu seinem alten Wohnhaus zu gehen wäre wegen der Verfolgung durch die Besatzer zu riskant gewesen.
 
Zweifelsfrei hat Behretz die von Hespers verlassene Wohnung und seine eigene frühere Wohnung am Voorterweg 170 aufgesucht. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass er dabei erkannt wurde. Die handgeschriebene Notiz bei seiner Verhaftung weist möglicherweise auf Verrat hin. Den deutlichsten Hinweise auf diese Vermutung liefert Pieter Brejnen. Er stellt dar, dass Theo Hespers zu Beginn des Krieges durch die Philipspolizei in Eindhoven verraten wurde. Brejnen verwechselt ihn hier wahrscheinlich mit Behretz, denn Theo Hespers ist nach dem 10. Mai 1940 nie mehr nach Eindhoven zurückgekehrt. Hespers wurde im Februar 1942 durch die Gestapo in Antwerpen verhaftet. Brejnen kann nur Max Behretz vor Augen gehabt haben, als er hierüber mit seinem Biografen gesprochen hat. Fest steht, dass Max am 29. August 1940 verhaftet worden ist. Zuerst wurde er in der Marechausseekaserne gefangen gehalten. Am 19. September ging er „auf Transport“ nach Köln, wo er bis zum Juni 1942 im Gefängnis saß. Da die Gestapo ihn viele Tage lang verhörte, liefern die Verhörprotokolle wertvolle Informationen. Die Verhaftung von Max Behretz war nur ein Teil einer sorgfältig vorbereiteten Aktion der deutschen Besatzung gegen die Gruppe Hespers-Ebeling. Jeder, der regelmäßig an der Publikation der „Kameradschaft“ beteiligt gewesen war und Kontakte zu Hespers und Ebeling unterhalten hatte, war bedroht. In diesem Zusammenhang sind auch die Verhaftungen von Toos Verhagen und von Selma Mejer im Frühjahr 1940 zu sehen. Die Gefangenen hatten oft schwere und intensive Verhöre zu erdulden, die meistens tagelang dauerten. Einfluss auf Inhalt und Dauer der Verhöre hatten sie kaum. Wenn Hespers von der Gestapo die Wiedergabe seiner früheren Erklärungen vorgelesen bekam, die er angeblich am Tag davor abgeben habe, übte er regelmäßig Kritik. Die Gestapo lehnte seine Einwände mit dem Hinweis ab, dies könne er ja später seinem Richter erklären.
Auffallend ist die lange Dauer des Vorarrests von Max Behretz, der von August 1940 bis Mitte Juli 1942 dauerte. Auch Toos Verhagen blieb lange in Vorarrest und zwar von Juni 1940 bis Oktober 1941. Dasselbe galt für Theo Hespers, der 18 Monate auf die Verhandlung seines Falles warten musste. Die lange Voruntersuchung erklärt sich aus der Tatsache, dass viele Verdächtige gleichzeitig in Haft waren und verhört werden mussten. Alle Erklärungen mussten miteinander verglichen werden, um andere Verdächtige mit schwerwiegenden Tatsachen konfrontieren zu können. Nach der Verhaftung von Theo Hespers wird man gehofft haben, noch weitere belastende Erklärung gegen Max Behretz zu bekommen. Das gelang aber nicht.
Während der Verhöre schien es, dass die Gestapo gut informiert war über das Tun und Lassen von Behretz und Hespers. Auf Grund der großen Anzahl von Verhaftungen in den dreißiger Jahren, der von Gefangenen abgepressten Bekenntnisse und den Erklärungen von Verrätern waren den Gestapo-Verhörern viel Belastendes bekannt. Es muss für Max Behretz schwierig gewesen sein, einerseits in seinen Erklärungen konsequent zu bleiben, andererseits jeden seiner Mitstreiter zu schonen. Er wurde außerdem mit Sachen konfrontiert, die ihm wenig Raum boten Unkenntnis zu äußern oder zu lügen. Lange Zeit hat er behauptet, nichts über die politischen Aktivitäten von Hespers zu wissen.

Der Venloer Grenzzwischenfall

Sigismund Payne Best und Richard Henry Stevens, zwei Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes,
hatten sich 1939 verleiten lassen, sich mit so genannten deutschen Oppositionellen zu treffen. Die Briten waren von vielen Seiten gewarnt worden, weil diese Deutschen als wenig vertrauensvoll galten. Die Geheimdienstler gingen dennoch zu dem Treffen. Es fand am 9. November 1939 um 16 Uhr gemeinsam mit dem niederländischen Leutnant Dirk Klop in Venlo statt und zwar genau zwischen dem niederländischen und dem deutschen Schlagbaum. Im Cafe Backus am Herongerweg sollte es ein Gespräch geben. Am Zielort wurde die beiden Briten und ihr Begleiter jedoch von einer Gruppe Agenten des Sicherheitsdienstes überfallen. Es gab ein Feuergefecht bei dem Klop so lebensgefährlich verwundet wurde, dass er anschließend starb. Best und Stevens wurden von den Deutschen über die Grenze geschleppt, dort getrennt gefangen gehalten und verhört. Stevens hat wahrscheinlich viele Namen von Widerständlern und Helfern genannt. Auch den von Theo Hespers. Stevens hatte beim britischen Geheimdienst Kontakt zu Van Blankenstein und dadurch Informationen über die Aktivitäten von Theo Hespers und wahrscheinlich auch von Max Behretz bekommen. In der Anklageschrift gegen Max Behretz durch den Oberreichsanwalt wird ausdrücklich auf die Zeugenaussage von Stevens verwiesen. Behretz und Hespers sind persönlich nicht an den Ereignissen an der Grenze - international wird der Zwischenfall „Venloincident“ genannt - beteiligt gewesen. Hespers und Ebeling hatten den Briten sogar abgeraten, mit den Deutschen Kontakt aufzunehmen. Der Venloincident wurde von Nazideutschland – speziell von Hitler - als Rechtfertigung für den Überfall auf die neutralen Niederlande missbraucht. Die Erklärungen von Behretz und Hespers bei der Polizei in Roosendaal im Mai 1940, dass sie für den britischen Geheimdienst gearbeitet hätten, waren später natürlich in diesem Zusammenhang Wasser auf die Mühlen der Nazis.

Plötzensee

Max Behretz wurde Anfang 1942 zunächst in das Gefängnis Berlin-Moabit verlegt und kam am 10. Juli in das Strafgefängnis Plötzensee, wo er seinen Richterspruch abwarten musste. In diesem Gefängnis waren während des Krieges viele Widerstandskämpfer gegen Nazideutschland inhaftiert. Ihre Gefangenschaft dort endete immer mit der Exekution. Heutzutage ist dieses Gefängnis ein Teil der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Es gibt Unterlagen, dass Max während seiner langen Gefangenschaft mit seiner Ehefrau korrespondiert hat. In jedem Fall muss er nach seiner Verurteilung noch einen letzten Brief an sie geschrieben haben. Leider ist es bis heute nicht geglückt diese Korrespondenz aufzuspüren.

Volksgerichtshof und Todesstrafe

Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wurde in Deutschland die Notverordnung gegen kommunistische Umtriebe erlassen und damit die demokratischen Grundrechte außer Kraft gesetzt. Die höchste Gerichtsinstanz war der Volksgerichtshof in Berlin. Die Richter waren alle überzeugte Nationalsozialisten. Der Hof bestand aus mehreren Senaten, je zusammengesetzt aus zwei Berufsrichtern und drei Volksrichtern. Das System war darauf ausgerichtet, (Todes)urteile zu verhängen, Beweisführung spielte keine Rolle. Außerdem gab es keine freie Rechtsanwaltswahl. Der Verdächtige bekam einen so genannten Pflichtanwalt zugewiesen. Das war immer ein nationalsozialistisch orientierter Advokat. Einen Tag vor der Verhandlung bekam der Pflichtanwalt Einsicht in die Anklageschrift. Der Angeklagte kannte seinen Anwalt kaum. So war es auch im Fall von Max Behretz. Die Taten der Widerstandsgruppe Hespers-Ebeling, die im Ausland geschehen waren, wurden vom Volksgerichtshof missbräuchlich als inländische Taten gewertet. Die Publikationen von Hespers und Ebeling seien nach Deutschland eingeschmuggelt worden, die Spionageaktivitäten hätten in Deutschland stattgefunden ebenso wie der Plan, den Bahnhofs in Mönchengladbach zu sprengen. Nach dem damaligen deutschen Recht wurden diese Vergehen als Fortsetzungstaten bewertet. Demnach sind Toos Verhagen, Selma Meijer, Max Behretz und Theo Hespers direkt nach ihrer Verhaftung nach Deutschland überführt worden, um sich dort vor dem Volksgerichtshof zu verantworten.
Aufgrund der Aktionen in den Jahren 1933 bis 1935 und dem späteren Schmuggeln von Hetzschriften lautete die Anklage gegen Behretz Spionage und Vorbereitung von Gewaltakten. Der 2. Senat des Volksgerichtshofes verurteilte ihn am 9. Juli 1942 „wegen Zersetzung der Wehrkraft des deutschen Volkes in Verbindung mit Vorbereitung zum Hochverrat und Beihilfe zur landesverräterischen Ausspähung“ zur Todesstrafe. Es fällt auf, dass dieses Urteil am Tage der Verhandlung ausgesprochen wurde. Im deutschen Strafrecht ist es normal, dass die Richter nach Beratung im Anschluss an die Sitzung mündlich ihr Urteil aussprechen, ungeachtet des Ernstes der Sache. Das Urteil wurde erst am 14. Juli schriftlich festgelegt.
Der Vorsitzende des 2. Senates des Volksgerichtshofes Karl Engert (1877 bis 1951) war bereits seit 1921 ein fanatischer Nazi. Er war verantwortlich für zahllose Todesurteile, die er sogar gegen Minderjährige verhängte. In den letzten Jahren des Krieges ist er für unzählige Schlachtopfer verantwortlich, so etwa die Massenmorde an so genannten Asozialen und an Gefangenen in Konzentrationslagern. Obwohl Engert nach dem Krieg angeklagt worden ist, hat er seine Taten niemals zugegeben. Als Folge seiner schwachen Gesundheit musste nach dem Krieg seine Strafverfolgung eingestellt werden, eine Gunst die er keinem seiner Schlachtopfer gewährt hat. Egal was Max Behretz zur Last gelegt worden wäre, auf jeden Fall hätte der Nazi-Richter Engert ihn verurteilt.
Peulen und Hespers wurden bei seiner Verhandlung als Zeugen gehört. Behretz hat bei dieser Gelegenheit und in seinem letzten Brief vom 26. August 1942 an den Oberreichsanwalt des Volksgerichtshofes auf die vielen Ungereimtheiten und Lügen verwiesen, die mit dem Namen Peulen als Zeugen verbunden waren. Dagegen hat Hespers Behretz in Bezug auf die Vorwürfe, er habe das Treibstoffdepot in Gladbach-Holt, den Bahnhof und eine Fabrik sprengen wollen, entlastet. Auch Max selber hat strickt verneint jemals die Absicht gehabt zu haben, die Fabrik Frohwein in Wassenberg zu sprengen. Im Gegenteil habe Peulen die Sprengungen ihm gegenüber vorgeschlagen, so Behretz. Er habe Peulen einfach reden lassen ohne Stellung zu dessen Vorschlag zu nehmen.
Auch die Beschuldigungen des anderen Gestapo-Informanten über Pläne von gewalttätigen Aktionen hat Max zurückgewiesen. Die Anschuldigung, dass er Heinrichs als Spionagegehilfen angeheuert habe, konnte Behretz leider nicht widerlegen. Um Theo Hespers nicht zu belasten, hat er dem Gericht erzählt, er habe sich zu jener Zeit schon von Theo politisch getrennt. Dabei musste er seine bisherige Verteidigung umkrempeln. Behretz gab bei Gericht an, nicht gegen das deutsche Regime zu sein und dadurch Streit mit Hespers bekommen zu haben. Absichtlich habe er sich Heinrichs zugewandt, von dem er gewusst habe, dass er ein Gestapo-Spion war. Diese Erklärung von Behretz hat der Richter als „frei erfunden“ abgewiesen. Sie mag zwar nicht von der bekannten Courage von Max Behretz zeugen, doch ist die Geschichte ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit, die nach jahrelanger Einsamkeit und der Konfrontation mit dem überwältigenden Wissen der Gestapo nur verständlich ist. Bei seine Rolle im Widerstand zusammen mit Hespers war Behretz immer Helfer und Ausführender jedoch nicht Organisator. Darum hat er seine Rolle möglichst immer bagatellisiert. Und als das nicht mehr möglich war, musste er andere Ausflüchte suchen. Noch hatte er die Hoffnung, mit einer Zuchthausstrafe davon zu kommen. Unwahrscheinlich war diese Möglichkeit nicht. Der Volksgerichtshof betonte in seiner Urteilsbegrünung, dass die bewiesenen Tatsachen aus der Periode 1933 bis 1935 eine Zuchthausstrafe rechtfertigen würden. Die erschwerenden Taten von 1939 bis 1940 müssten jedoch mit der Todesstrafe geahndet werden.
Auch andere Gefangene sind unter dem Druck und der Gewalt der Gestapo zusammengebrochen. Aus den Prozessakten von Hespers und Behretz ist zu ersehen, dass Toos Verhagen nicht nur alles was ihr zu Last gelegt wurde zugegeben hat, sondern darüber hinaus viele belastende Aussagen zum eigenen Nutzen gemacht hat. Selbst Theo Hespers hatte schwache Momente in den vielen Monaten, die die erschöpfenden Verhöre dauerten.
Am 1. August 1942 fragt Max Behretz den Gerichtshof nach der Beurteilung seiner Sache. Es war sein letzter Versuch der Todesstrafe zu entkommen. Im Angesicht des Todes wiederholte er seine bisherige Darstellung. Er habe schon viele Jahre gewusst, dass Heinrichs ein Gestapo-Spion war. Er teile die politischen Standpunkte von Theo Hespers nicht und habe absichtlich über Heinrichs Kontakt aufgenommen, um dessen falsche Berichte widerlegen zu können. Der Gerichtshof wies diesen Versuch am 12. August 1942 zurück. Am 11. September schrieb Max Behretz' Anwalt Dr. Bruno Grünwald noch einen Brief. Auch der Anwalt wies auf die falsche Erklärung von Peulen hin. Sie seien darauf ausgerichtet gewesen, Max Behretz Pläne zur Gewaltanwendung zu unterstellen, die tatsächlich Peulen selbst ausgeheckt habe. Weil ein weiterer Versuch einer Neubeurteilung keinen Erfolg mehr haben würde, bat Dr. Grünwald um Gnade und Umwandlung der Todesstrafe in eine Freiheitsstrafe. Aus den Akten lässt sich ersehen, dass der Reichsminister der Justiz, Otto Georg Thierack, schon am 10. September 1942 erklärte, „mit Ermächtigung des Führers von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, sondern der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen“. Thierack bekleidete sein Ministeramt zu diesem Zeitpunkt erst seit kurzem. Er war bis 20. August 1942 Präsident des Volksgerichtshof gewesen.
Es ist zu erwähnen, dass die Abweisung des Gnadenbeschlusses noch vor dem Gnadengesuch stattgefunden hat. Und das verantwortet ein höchster Richter und Justizminister: so etwas nennt man Scherzjustiz.
 
Schon am 14. September 1942 forderte das Ministerium der Justiz den Oberreichsanwalt auf, „mit größter Beschleunigung das Weitere zu Veranlassen“. Für die Hinrichtung wurde der Henker Friedrich Hehr angewiesen. Die Leiche von Max sollte an das anatomische Institut Berlin überführt werden. Am 23. September 1942 um 20.06 Uhr bekam Max in seiner Zelle Besuch von Oberstaatsanwalt Volk, dem Justizangestellten Karpe, Direktor Schulz vom Gefängnis Plötzensee und dem Gefängnisarzt Dr. Schmidt. In Anwesenheit von zwei Wärtern las Volk ihm das Urteil des Volksgerichtshofes und die Abweisung seines Gnadengesuchs vor, das sein Anwalt für ihn eingereicht hatte. Max bekam die Mitteilung, dass die Vollstreckung des Todesurteiles am 24. September 1942 um 4.36 Uhr durchgeführt werden würde. Max sollte sich auf seine letzte Stunde vorbereiten und seine letzten Wünsche mitteilen. Nach dem vorgedruckten Standart-Formular über diese Zusammenkunft soll Max gefasst geblieben sein. Zur angesetzten Zeit erfolgte die Exekution durch Enthauptung mit dem Fallbeil. Außer dem Scharfrichter Hehr waren als Henker seine Gehilfen Alfred Roselieb, August Köster und ein gewisser Albrecht anwesend. Nachdem er gut zwei Jahren in ziemlich Einsamkeit verbracht hatte, starb Max Behretz in Gesellschaft dieser brutalen Mörder. Sie hatten seit 1933 schon viele Missetaten auf ihr Gewissen geladen und sollten bis zur deutschen Niederlage noch viele weitere vollführen.
Über allen Prozessseiten im Strafdossier von Max steht immer wieder: „Jude“. Dieser Aspekt wird aber im Urteil des Gerichtshofes niemals genannt.

Das Los der Anderen

Theo und Käthe Hespers und ihr Dirk haben ab Mai 1940 illegal in Belgien gelebt. Erst in Antwerpen, später in Brüssel und noch später in Halle. Theo Hespers geriet zufällig in die Hände der Gestapo. Beim Abholen der Lebensmittelkarten im Rathaus von Antwerpen wurde er am 10. Februar 1942 verhaftet. Er wurde über die Marinegefängnis von Antwerpen und Wilhelmshaven ins Gefängnis Berlin-Moabit gebracht, um vor dem Volksgerichtshof gerichtet zu werden. Der 2. Senat verurteilte ihn zum Tode. Seine Frau Käthe wurde auch verhaftet. Nach einiger Zeit im Frauengefängnis in Vechta kam sie im Laufe des Jahre 1943 frei. Ihr Sohn Dirk wurde durch die NSV-Frauenschaft nach Deutschland zurückgebracht. Er kam zu seiner Großmutter Kelz. Im Sommer 1943 durfte Dirk zusammen Tante Berta, der jüngsten Schwester seines Vaters, seinen gefangenen Vater in Berlin besuchen. Der saß zu dieser Zeit im berüchtigten Gestapo-Hauptquartier Prinz-Albert-Straße (heute Niederkirchener Straße) in Berlin ein. Dort sah Dirk seinen durch monatelange Verhöre und Erschöpfung stark abgemagerten und ergrauten Vater. Theo sprach ihn auf Niederländisch an mit den Worten: „Hoe jaat het met jou meijn jongen?“ Unmittelbar wurde er von dem anwesenden Gestapo-Wächter angeschnauzt: „In Deutschland wird nur Deutsch gesprochen“. Bei ihrem Abschied sagte der Vater zu Dirk: „Und sag meinen Freunden: Ich habe keinen verraten.“ Der damals zwölfjährige Dirk hat danach mit seiner deutschen Identität gehadert: Deutsch war doch die brutale Sprache von denen, die seinen Vater ermordet hatten. Sein sehnlichster Wunsch war es, direkt nach dem Krieg in den Niederlanden oder Belgien zu wohnen und dort die Schule zu besuchen. Die Zeitumstände verhinderten die Erfüllung dieses Wunsches.
 
Theo Hespers hat während der Verhöre immer dann, wenn es möglich war, geschwiegen. Im Schlussbericht der Gestapo steht: „Der Unterzeichnete kam nicht umhin, das Wesen des Hespers als das eines Jesuiten zu charakterisieren, der immer versucht, den gestellten Fragen auszuweichen und ein wirklich einmal gegebenes Zugeständnis im nächsten Satz zu widerrufen. Hespers ist als ein ganz abgefeimter Staatsfeind zu betrachten, der es selbst in der Emigration verstanden hat, die Art und Weise seiner Tätigkeiten, seine Verbindungen usw. seinen nächsten Mitarbeitern und Freunden zu verschleiern. Er muss als einer der gefährlichsten Gegner des nationalsozialistischen Deutschlands betrachtet werden, den nur die härteste Strafe treffen kann.“
Theo Hespers ist am 9. September 1943 im Gefängnis Berlin-Plötzensee erhängt worden. Ende 1942 gab es in der Hinrichtungsstätte von Plötzensee einem Stahlträger, an dem acht Eisenhaken befestigt waren. Diese dienten als Galgen. Ab dieser Zeit wurden etwa die Mitglieder der deutschen Widerstandsorganisation Rote Kapelle nur noch durch den Galgen ermordet. Später waren die Galgen für alle bestimmt, die am 20. Juli 1944 beteiligt waren. Nichtdeutsche und Nichtarier wurden wahrscheinlich immer durch die Guillotine hingerichtet.
Toos Verhagen wurde vom 2. Senat des Volksgerichtshofes am 8. Oktober 1941 wegen ihrer Mittäterschaft zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt; sie saß ihre Strafe im Gefängnis in Anrath ab. Nach drei Jahren konnte sie nach Eindhoven zurückkehren. Als zweite Strafe verlor sie für vier Jahre die bürgerlichen Ehrenrechte.
Auch Selma Meijer ist, nachdem sie im Oktober 1942 verhaftet worden ist, nach Berlin in das Gefängnis Moabit überführt worden. Sie wurde dort gefoltert, wodurch sie lebensgefährlich erkrankte. Am 11. Februar 1941 starb sie an inneren Verletzungen (offizielle Darstellung an doppelter Lungenentzündung nach einer Operation).
Die anderen Mitstreiter - Alfred Katzenstein, Hans Ebeling (Plato) und Markus Van Blankenstein ((Onkel Julius) - konnten rechtzeitig emigrieren oder flüchten. Möglicherweise ist das Archiv von Van Blankenstein nach seiner überhasteten Flucht in den Maitagen 1940 vernichtet worden. Für den Historiker ist die Vernichtung dieses Archivs in hohem Maße zu bedauern, für alle Personen, die dem Widerstandsnetz verbunden waren, ist es wohl ein Segen gewesen.

 

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We are like the autumn´s leaves - Driven over dusty roads -

Ausschnitt Klosterkirche16 02 2018

Text: Dirk Hespers sen.

Melodie: Dirk Hespers jun.

aufgeführt am 16.02.2018

in der Klosterkapelle Franzikanerkirche St. Barbara (Mönchengladbach)

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